Der Einwand, in seiner stärksten Form
Angst funktioniert nach einem ziemlich einfachen Muster. Du weichst aus. Die Anspannung fällt sofort ab. Dein Kopf merkt sich, dass Ausweichen funktioniert hat. Beim nächsten Mal ist die Schwelle ein Stück höher.
So wächst Angst, ohne dass jemals etwas Schlimmes passiert wäre. Sie wächst gerade deshalb, weil nichts passiert ist. Du hast nie erlebt, dass es gutgeht, also bleibt die Warnung stehen.
Das wirksamste Gegenmittel ist das Gegenteil. Sich der Situation aussetzen, oft genug, bis der Körper lernt, dass sie ihn nicht umbringt. In der Psychotherapie heißt das Exposition, und bei Angststörungen ist es das am besten untersuchte Verfahren, das es gibt.
Wer diesen Mechanismus kennt, muss das, was ich mache, kritisch sehen. Ich nehme jemandem genau die Situation ab, in der er die Erfahrung machen könnte, dass es gutgeht. Der Einwand ist nicht albern. Er steht im Lehrbuch.
Was daran stimmt
Der Teil, den ich nicht kleinreden will: Wenn du eine Angststörung hast, die gerade behandelt wird, und in dieser Behandlung geht es darum, dass du Telefonate wieder führst, dann kann es dir im Weg stehen, wenn du sie alle bei mir abgibst. Dann bin ich nicht die Abkürzung, sondern der Umweg.
Das schreibe ich hierhin, weil es sonst niemand hinschreibt, der dir etwas verkaufen will. Telefonangst geht nicht davon weg, dass jemand anderes anruft. Das habe ich nie behauptet und fange jetzt nicht damit an.
Vier Stellen, an denen der Einwand nicht greift
Er beschreibt einen echten Mechanismus. Er beschreibt nur nicht jeden, der mir schreibt.
1. Exposition ist geplant. Der Alltag ist es nicht.
Exposition wirkt, wenn sie vorbereitet ist, wenn sie dosiert ist, wenn du sie freiwillig eingehst und wenn danach jemand mit dir draufschaut. Ein Anruf bei einer Hotline um neun Uhr morgens erfüllt keine einzige dieser Bedingungen. Du weißt nicht, wer rangeht, wie lange die Schleife läuft, welche Rückfrage kommt, auf die du keine Antwort hast. Eine Konfrontation ohne Rahmen ist keine Übung. Sie kann genauso gut bestätigen, dass so etwas schiefgeht. Mehr dazu steht in Window of Tolerance.
2. Nicht jeder Anruf, den ich übernehme, kommt aus Angst.
Autistische Menschen verarbeiten Telefonate anders, und das ist keine Angst, die sich wegübt. Wer seit zwei Jahren Deutsch spricht, hat kein Vermeidungsproblem, sondern eine Sprachhürde, und die verschwindet nicht dadurch, dass man sie am Telefon durchsteht. Bei ADHS scheitert der Anruf oft nicht an der Angst davor, sondern daran, dass er ausgerechnet dann nicht im Kopf ist, wenn die Praxis offen hat.
3. Die Alternative ist selten der eigene Anruf.
Wenn mir jemand einen Anruf gibt, ist die Frage nicht, ob er ihn sonst selbst geführt hätte. Die ehrliche Alternative lautet in den meisten Fällen: gar nicht. Der Termin wird nicht gemacht. Die Kündigung läuft ins nächste Jahr. Der Rückruf liegt seit drei Monaten und wird mit jeder Woche schwerer, wie in Anrufe verdrängen beschrieben. Gemessen an einem Anruf, den du selbst führst, ist Abgeben der schwächere Weg. Gemessen an gar nichts ist es der Termin, den du sonst nicht hättest.
4. Behandlung dauert. Der Termin wartet nicht.
Zwischen der ersten Sprechstunde und dem Beginn einer Psychotherapie liegen in Deutschland im Schnitt mehrere Monate, in manchen Regionen deutlich länger. Wie sich diese Zeit verkürzen lässt, steht in Therapieplatz finden. In diesen Monaten läuft der Alltag weiter. Was in der Zwischenzeit liegen bleibt, macht die Ausgangslage für die Behandlung nicht besser.
Was ich ausdrücklich nicht behaupte
Ich bin kein Therapeut. Was ich mache, ist keine Behandlung, und ich sage nicht zu, dass es dir damit besser geht. Ein abgegebener Anruf ist ein erledigter Anruf. Das ist das ganze Versprechen.
Wenn Telefonate nur ein Teil von etwas Größerem sind, wenn Post ungeöffnet liegt, Nachrichten unbeantwortet bleiben, Termine verstreichen, dann ist das kein Telefonproblem. Dann bin ich nicht die Antwort darauf. Soziale Angst im Alltag beschreibt, wie sich das anfühlt, und der Weg zu jemandem, der fachlich damit arbeitet, ist in dem Fall der richtige.
Und wenn du gerade in Behandlung bist und dort an genau solchen Situationen gearbeitet wird: Sprich vorher mit deiner Therapeutin oder deinem Therapeuten, bevor du mir Anrufe gibst. Sie kennen deinen Fall. Ich kenne ihn nicht.
Und wenn du den Anruf lieber selbst machst: Dafür liegt hier ein Anruf-Skript zum Ablesen, Satz für Satz, ohne Anmeldung und ohne dass du mir schreiben musst. In Wie fange ich ein Telefonat an steht, warum du nur die ersten zwei Sätze brauchst, und in Was soll ich am Telefon sagen stehen die Worte für die häufigsten Anrufe. Mir ist lieber, du rufst selbst an und es klappt, als dass du mich brauchst.
Wofür ich dann da bin
Für den Anruf, der seit drei Wochen liegt und in dieser Zeit nur schwerer geworden ist. Für die Woche, in der nichts mehr geht und trotzdem alles weiterläuft. Für die Sachen, die vom Tisch müssen, während du an anderer Stelle an dir arbeitest.
Niemand muss alles selbst können, damit es zählt. Steuern gibt man ab, Umzüge gibt man ab, und niemand fragt dabei, ob man sich damit etwas verbaut. Beim Telefonieren ist das plötzlich eine Charakterfrage. Ich finde, das ist sie nicht.
Einen Anruf abzugeben ist keine Entscheidung gegen irgendwas. Es ist eine Entscheidung darüber, was diese Woche vom Tisch kommt.