Warum Alltag mit Autismus mehr Energie kostet
Viele Alltagssituationen enthalten Dinge, die im Autismus-Spektrum bewusst verarbeitet werden: Geräusche, Licht, Gespräche, unklare Erwartungen, plötzliche Planänderungen. Jede davon zieht ein bisschen. Zusammen ziehen sie viel.
Dazu kommt, was man von außen nicht sieht: Anpassung an andere, das Deuten von Tonfall und Andeutungen. Wie viel das allein am Telefon kostet, steht in Masking am Telefon.
Der Tag ist nicht zu voll. Er ist zu teuer. Einen sachlichen Einstieg ins Thema Autismus gibt das Gesundheitsportal des Bundesgesundheitsministeriums: gesund.bund.de zum Thema Autismus.
Den Tag wie ein Budget sehen
Ein Bild, das viele hilfreich finden, ist die Löffeltheorie. Sie stammt von der Autorin Christine Miserandino und beschreibt Energie als eine begrenzte Zahl Löffel pro Tag. Jede Aktivität kostet einen oder mehrere.
Ursprünglich ging es dabei um chronische Krankheit, aber viele autistische Menschen nutzen das Bild, um zu erklären, warum „nur kurz“ nicht nur kurz ist. Löffel, die morgens weg sind, sind abends nicht mehr da.
Praktisch heißt das: Schau nicht nur, wie lange etwas dauert, sondern was es kostet. Ein langer Spaziergang allein kann günstiger sein als ein fünfminütiger Anruf.
Die großen Verbraucher finden
Energie geht selten dort verloren, wo man es erwartet. Eine Woche lang kurz aufzuschreiben, was dich danach leer zurückgelassen hat, bringt oft Überraschungen.
Häufige Großverbraucher sind Übergänge, also der Wechsel von einer Tätigkeit zur nächsten, unplanbare Gespräche, vor allem am Telefon, und reizvolle Orte wie Supermärkte zur Stoßzeit, Wartezimmer oder Großraumbüros.
Und dann gibt es offene Aufgaben, die im Kopf mitlaufen, obwohl du gerade gar nicht an ihnen arbeitest. Ein Anruf, der seit zwei Wochen aussteht, kostet jeden Tag ein bisschen, auch wenn du ihn nie führst. Mehr dazu in Mental Load.
Energie sparen, ohne dich zurückzuziehen
Weniger Energie verbrauchen heißt nicht, weniger zu leben. Es heißt, die teuren Dinge dort zu reduzieren, wo sie dir nichts bringen, damit mehr für das bleibt, was dir wichtig ist.
Feste Abläufe für wiederkehrende Aufgaben. Einkauf immer am selben Tag, zur selben Uhrzeit, im selben Laden. Was feststeht, muss nicht jedes Mal neu entschieden werden.
Reize an teuren Orten senken. Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung, Einkaufen zu ruhigen Zeiten, der Großeinkauf per Lieferung.
Übergänge einplanen. Zwischen zwei Terminen ein paar Minuten, in denen nichts passiert. Klingt nach wenig, verhindert aber, dass du den zweiten Termin schon leer beginnst.
Schriftlich statt mündlich, wo es geht. Mail statt Anruf, Online-Termin statt Hotline, Chat statt Rückruf. Wo es doch ein Anruf sein muss, hilft ein Anruf-Skript.
Erholung ernst nehmen. Zeit mit Spezialinteressen oder Stimming ist für viele keine verlorene Zeit, sondern genau das, was Energie zurückbringt.
Was du abgeben darfst
Irgendwann ist die Frage nicht mehr, wie du etwas leichter machst, sondern ob du es überhaupt selbst machen musst.
Viele Dinge geben Menschen ab, ohne dass jemand fragt: den Einkauf an einen Lieferdienst, die Steuer an eine Beratung, das Putzen an eine Reinigungskraft. Bei Telefonaten fällt es vielen schwerer, obwohl es dasselbe Prinzip ist. Warum Telefonate so teuer sind, steht in Telefonieren mit Autismus.
Abgeben ist keine Niederlage. Es ist eine Entscheidung darüber, wofür du deine Löffel ausgibst. Und wenn neben der Erschöpfung auch Angst vor Anrufen eine Rolle spielt, findest du mehr in Telefonangst: was passiert und was wirklich hilft.
Wenn die Erschöpfung trotz allem über Wochen nicht weggeht, sprich mit deiner Hausärztin oder einer Therapeutin. Energie einteilen hilft, ersetzt aber keine Unterstützung, wenn es mehr ist als ein voller Tag.